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Als im Sommer 2024 die beiden markanten Kühltürme des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld fielen, endete für die Region Schweinfurt ein prägender Abschnitt Industriegeschichte. Doch während das Bauwerk verschwand, eröffnete sich zugleich eine neue Perspektive – eine, die tief in die Logik der Kreislaufwirtschaft hineinreicht. Für die Unternehmensgruppe Glöckle, die langjährige Erfahrung in der Aufbereitung von Baustoffen und erst vor kurzem ein Kompetenzzentrum für Recyclingbaustoffe eröffnet hat, war früh klar: Wo Tausende Tonnen Beton frei werden, entsteht nicht nur Abbruch, sondern wertvoller Rohstoff.

Die Verbindung zwischen der Unternehmensgruppe Glöckle und dem Kernkraftwerk besteht seit Jahrzehnten. Rund um das Kraftwerksareal hat Glöckle zahlreiche Gewerke in Hochbau- und Schlüsselfertigbau umgesetzt – sowohl für den Betreiber PreussenElektra als auch im Zuge des Rückbaus für die „BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung“ in Grafenrheinfeld, Grohnde und Isar II. Die langjährige Zusammenarbeit erleichtert den offenen Austausch über neue Ansätze – selbst, wenn diese zunächst ungewöhnlich erscheinen.

Genau in diesem Umfeld entstand die Idee, die Trümmer der beiden Kühltürme nicht nur aufzubereiten, sondern sie in einem regionalen Schlüsselprojekt erneut zu nutzen. „Insgesamt rund 55.000 Tonnen Bauschutt wurden nach der Sprengung direkt vor Ort gebrochen, gesiebt und nach umfangreichen Messungen als frei von radiologischer Belastung eingestuft. Rund 17.000 Tonnen davon gingen an die Baustoffwerke der Unternehmensgruppe Glöckle“, erläutert Matthias Aron von Preußen Elektra. Das Material findet nun seinen Weg in ein hochmodernes Infrastrukturprojekt: die neue Konverterstation für das Projekt SuedLink DC4 in Bergrheinfeld.

Am 16. August 2024 wurden die beiden Kühltürme am KKG Grafenrheinfeld gesprengt. Bildquelle: PreussenElektra GmbH

Am Standort Grafenrheinfeld bereitet die Unternehmensgruppe Glöckle Abbruchmaterial wieder auf. Bildquelle: Berenike Geibel / Unternehmensgruppe Glöckle

Nahe Bergreinfeld entsteht eine Konverterstation, bei der aufbereitetes Material der Kühltürme in Form von Recycling-Beton verbaut wird. Bildquelle: Hitachi Energy Germany AG

„Seit Jahren treiben wir in der Unternehmensgruppe den Gedanken der Kreislaufwirtschaft voran. Zugleich stehen wir seit Jahren mit unseren Partnern im Austausch rund um nachhaltiges mineralisches Recycling. Die Idee, die recycelten Kühltürme in ein Schlüsselprojekt der Energiewende einzuarbeiten, lag daher nahe – ein seltenes Zusammenspiel aus regionaler Nähe, ökologischer Wirkung und technischer Machbarkeit“, sagt Carolin Glöckle, geschäftsführende Gesellschafterin der Unternehmensgruppe Glöckle.

Vom Abbruchmaterial zum Recycling-Beton

Nach der offiziellen Freigabe durch den Kraftwerksbetreiber begann eine umfassende Qualitätskontrolle. In den Baustoffwerken wurden freiwillig zusätzliche Prüfungen durchgeführt – darunter Messungen mit Geigerzählern, Laboranalysen nach dem Aussieben und weitere Materialtests. „Das war uns wichtig, denn unsere Mitarbeitenden sollen mit gutem Gefühl und voller Sicherheit mit dem Material arbeiten können“, betont Felix Beltermann, Geschäftsführer der Glöckle-Baustoffwerke. Erst nach diesen Prüfungen wurde das Abbruchmaterial zu hochwertigen Recyclingkörnungen aufbereitet, die den aktuellen Normanforderungen für Recycling-Beton entsprechen. Dieses Vorgehen schließt Materialkreisläufe, spart wertvolle Primärrohstoffe und leistet einen wesentlichen Beitrag zu ressourceneffizientem Bauen. Das aufbereitete Material der Kühltürme wird zielgerichtet und vollständig für das Umspannwerk verwendet.

Vom Kühlturm zur Konverterstation

Unweit des früheren Standorts der Kühltürme entsteht seit Mitte 2025 ein zentrales Element der Stromtrasse SuedLink DC4. Zum Projekt gehören die Konverterstation in Wilster die mit Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs- (HGÜ)-Technologie den Windstrom von Wechsel- in Gleichstrom umwandelt. Dieser wird über eine mehrere hundert Kilometer lange Leitung, die aus zwei Hochspannungskabeln besteht, mit denen der Strom mit geringen Verlusten aus dem Norden Deutschlands in den Süden transportiert wird. Damit dieser Strom überhaupt ins regionale Netz eingespeist werden kann, braucht es eine erneute Umwandlung, dieses Mal von Gleich- in Wechselstrom. Dies geschieht in der Konverterstation, die derzeit bei Bergrheinfeld entsteht. Den Hoch- und Ingenieurbau dieser Schlüsselkomponente der SuedLink DC4-Infrastruktur übernimmt die Unternehmensgruppe Glöckle.

Die Dimensionen des Projekts zeigen seine Bedeutung:
– rund 3.000 Tonnen Bewehrungsstahl
– etwa 15.000 m³ Beton
– Fundamente für sieben Transformatoren mit je rund 400 Tonnen Gewicht
– komplexe Bauteile wie die Konverterhallen selbst, Trafowannen, Drosselanlagen und das Betriebsgebäude

Der Hoch- und Ingenieurbau der Unternehmensgruppe Glöckle arbeitet auf dem rund 60.000 m² großen Gelände unter anspruchsvollen Rahmenbedingungen. Fünf Kräne sind parallel im Einsatz, viele Abläufe werden in internationaler Abstimmung koordiniert – die Vertragssprache ist Englisch. Besonders technisch herausfordernd sind die freistehenden Trafowände mit Höhen bis zu 11 Metern sowie die flüssigkeitsdichten Trafowannen aus Beton.
Ein Teil des Betons für diese hochmoderne Anlage, die erneuerbare Energien vom Norden in den Süden transportiert, war einst Teil der Kühltürme des Kernkraftwerks – ein eindrucksvolles Beispiel gelebter Kreislaufwirtschaft.

Ein praktisches Beispiel gelebter Ressourcennutzung

Der Einsatz der recycelten Kühltürme zeigt, wie konsequent Kreislaufwirtschaft im Bau funktionieren kann, wenn alle Beteiligten zusammenwirken. Denn selbst das beste Konzept bleibt wirkungslos, wenn Entscheider nicht bereit sind, neue Wege zu gehen und Materialien über ihren ursprünglichen Nutzungszweck hinaus wertzuschätzen. Abbruch wird hier nicht als Entsorgung verstanden, sondern als Rohstoffquelle. Die regionale Aufbereitung reduziert Transportwege und schont Ressourcen, während die Baustoffwerke das Material qualitätsgesichert zu normgerechten Recyclingkörnungen verarbeiten. Gleichzeitig denken Fachleute Recycling-Beton frühzeitig mit und integrieren ihn in anspruchsvolle Bauaufgaben – bis hin zu einem Projekt, das in besonderem Maße für die Energiezukunft steht.

So fließt das Material eines stillgelegten Kernkraftwerks künftig vollständig in eine Anlage ein, über die Windstrom in die regionalen Netze gelangt. Ein Kreislauf im eigentlichen Sinn – und ein starkes Beispiel dafür, wie sich Ressourcen regional, sinnvoll und technologisch anspruchsvoll weiterverwenden lassen. Auch wenn dieser Ansatz nur einen Teil des Gesamtprojekts ausmacht, zeigt er, wie sich Innovation, Nachhaltigkeit und Ingenieurbau verbinden, wenn Kreislaufwirtschaft nicht bloß ein Begriff ist, sondern gelebte Haltung.